INTERVIEW MIT KORREPETITOR JORRIT VAN DEN HAM

(Januar 2019, Stadttheater Bremerhaven)

Lieber Jorrit, du bist seit August 2018 als Korrepetitor am Stadttheater Bremerhaven engagiert. Erzähl doch bitte mal unseren Lesern, welche Voraussetzungen man für diesen Job mitbringen muss und was zu deinen Aufgaben zählt!

 

Als Korrepetitor muss man gut Klavier spielen können und sicherlich auch Affinität zu Sängern und Oper haben. Ich muss viele Regieproben begleiten, aber zurzeit auch Ballettproben, und den Sängern helfen, ihre Partien einzustudieren. Ich assistiere auch dem Dirigenten, vor allem in der Endphase einer Produktion, wenn das Orchester dazukommt. Ich höre dann zu und schreibe alles auf, was mir auffällt, und bespreche das mit den anderen. Außerdem ist es sehr wichtig, dass man nach dem Taktschlag eines Dirigenten spielen und sich dienstbar zum Prozess aufstellen kann. Man muss mit sehr vielen verschiedenen Menschen arbeiten und immer das Ziel vor Augen behalten. Für mich gilt ansonsten: Je mehr man über Musik weiß und erfahren hat, umso besser kann man den Job leisten.

Soweit ich weiß, ist das deine erste Anstellung an einem Theater. Was ist neu für dich und wie hast du dich darauf vorbereitet?

Es ist das erste Mal, dass ich für längere Zeit meine Heimat verlassen habe, und auch meine erste Anstellung im Lohndienst. Ich war in Holland freiberuflich, was heißt, dass ich immer viel reisen und einzelne Aufgaben erledigen musste. Die meisten von meinen Aufgaben hier im Theater habe ich in Holland auch schon gemacht, aber der Unterschied für mich ist, dass alles unter einem Dach stattfindet. Viel in diesem Job fühlt sich vertraut an, aber sehr viel ist auch neu.

Ich habe schon vor den Sommerferien angefangen, die Opern dieser Spielzeit zu lernen, aber das ist alles, was an Vorbereitung möglich war. Das System im Theater,  wie man es in Deutschland kennt, hat man in Holland nicht, und deswegen war es schwierig, mich darauf vorzubereiten.

Der Anfang war sehr spannend, man kennt die Umgebung und die Menschen nicht, den Job nur vom Hören, und dazu muss man sich auch an die Sprache gewöhnen. Dazu kommt mit einer solistischen Stelle auch eine gewisse Verantwortlichkeit, es muss einfach funktionieren, sonst benachteiligt man schnell die anderen. 

Besonders schön für mich ist, dass ich regelmäßig im Orchester mitspielen kann. Meine Eltern sind beide Orchestermusiker gewesen, und als Kind war ich schon sehr oft bei den Proben und Konzerten anwesend. Ich habe mich an der Stelle im Orchester sofort zuhause gefühlt, was umso schöner war, weil ich zuvor noch nie die Chance hatte, in einem professionellen Orchester mitzuspielen. Auch das Spielen der Celesta ist ganz neu! 

Oft musst du in szenischen Proben das Orchester ersetzen, damit die Sänger alles gut mit Bühne, Kostüm und Regie einstudieren können, bevor sie mit dem Orchester zusammenkommen. Wie gelingt es dir, mit nur zwei Händen am Klavier einen ganzen Orchesterapparat zu imitieren? Woher weißt du, welche Stimmen besonders wichtig sind?

Man braucht eine sehr gute Klaviertechnik, damit man die oft sehr anspruchsvollen und langen Partien spielen kann. Aber man braucht mehr, wie z. B. Ahnung vom gesamten Stück (musikalisch, kompositorisch und dramaturgisch), damit man genug Ahnung und Freiheit bekommt, die Töne zu spielen und gleichzeitig auch die Sänger gut zu hören. Das ist genau so kompliziert, wie es sich anhört. Man muss sich gegebenenfalls auch mal trauen, ein paar Töne wegzulassen oder zu ändern. Wenn man das nicht tut, wäre eine Oper wie Gier nach Gold – McTeague z.B. unspielbar. 

Ich finde es immer sehr hilfreich, verschiedene Aufnahmen anzuhören mit den Noten vor mir, damit der Orchesterklang sich langsam in meinem Ohr niederlässt. So lernt man, welche Stimmen wichtig sind. Mein wichtigster Klavierlehrer sagte immer: Ein Pianist kann nur so gut spielen, wie er hört. Das ist eine Aussage, die ich mein Leben lang bei mir tragen werde, und die auch für die Korrepetition besonders hilfreich ist.

Im nächsten Kammerkonzert trittst du in einer kleinen Besetzung zusammen mit Musikern des Philharmonischen Orchesters auf. Worin liegt für dich dabei der Reiz?

Ich genieße es immer sehr, mit anderen zu musizieren. Die Proben sind immer ein Prozess, wo man langsam einen Weg durch die Stücke finden, und vor allem auch einander kennenlernen und verstehen muss. Dafür gibt’s kein Rezept, außer dass man weiß, dass die Töne gespielt werden müssen und dass dabei am Ende ein schönes Resultat herauskommt. Der Weg dahin ist aber immer anders. Es gibt so viele Faktoren, die dabei eine Rolle spielen können. Genau das ist der Reiz. 

Ich habe in meinem Leben viele musikalische Partner gehabt, aber leider noch zu wenig Kammermusik gemacht (Trio, Quartett etc.). Ich bin froh, damit auch einen neuen Start machen zu können. Und sonst freue ich mich immer wieder auf die wunderschöne Musik selbst!

Du selbst bist noch relativ neu in der Stadt. Hast du in Bremerhaven schon einen Lieblingsplatz gefunden?

Ich habe schon viele Restaurants und Bars ausprobiert, weil ich gerne mal ein Bier oder Kaffee mit Leuten trinke. Ich denke, «Marlene» ist deswegen doch der Favorit, denn da trifft man einander oft. Sonst habe ich schon relativ viel von der Umgebung gesehen. Ich habe zum Beispiel schöne Wanderungen unternommen; wenn man nur ein bisschen von der Stadt weg ist, kann man oft unendlich weit in die Natur schauen. 

Zum Schluss unsere beliebte Frage zu «Pleiten, Pech & Pannen»: Ist dir schon mal etwas Lustiges im Konzert passiert?

Ganz lustig war eine Vorstellung von Sunset Boulevard, bei der in einer Nummer mein E-Piano spontan entschieden hat, die Töne einen Ton tiefer widerzugeben. Alles, was ich da in C-Dur spielte, hat auf einmal als H-Dur geklungen. Das hat einen besonders inventiven Effekt gegeben, sehr modern, sag ich mal, aber ich hoffe trotzdem, dass fürs nächste Mal mir das C-Dur treu bleibt!